Die totale Sonnenfinsternis vom 29. März 2006

Side, Türkei



Werbebanner in Side Blick nach Südwesten Am 29. März 2006 ereignete sich eine totale Sonnenfinsternis. Dabei berührte der Kernschatten des Mondes Brasilien, bevor er die Sahara und die Türkei durchquerte. Auch Teile Kasachstans und Russlands lagen in der Totalitätszone. Die beste Chance, dieses Ereignis bei gutem Wetter zu beobachten, bot allerdings neben Lybien die türkische Südküste. Der Vorteil der Türkischen Riviera war aber, neben einer relativ sicheren politischen Lage, die gute touristische Infrastruktur. So ließ sich die Beobachtung der Finsternis mühelos mit einem Urlaub verbinden, auch wenn die Hauptsaison in der Region noch nicht begonnen hatte. Da es für mich nach 1999 die zweite totale Sonnenfinsternis war, wusste ich in etwa, was ich erwarten durfte. Allerdings war ich diesmal etwas besser ausgerüstet als damals, und natürlich hoffte ich auch auf besseres Wetter.

Das Erlebnis begann bereits am 24. März auf dem Flughafen in Leipzig, als das im Rucksack verstaute Teleskop bei der Sicherheitskontrolle für einige Aufregung sorgte. Nach einer gesonderten Kontrolle in einem Hinterzimmer konnte die Reise aber beginnen. Jedoch schon im Flugzeug nach Antalya war ich nicht mehr der einzige, der seine Ausrüstung im Handgepäck dabei hatte. Der Transfer von Antalya zum Hotel Defne Star in Side fand noch bei bewöktem Himmel statt, doch schon am Nachmittag klarte es auf. Bis zum Tag der Sonnenfinsternis blieb das Wetter dann so schön, wie man es sich besser nicht vorstellen konnte. Die Wolken, die sich am nördlich gelegenen Taurusgebirge stauten, stellten zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr dar.

Souvenirs Großteleskop am Strand von Side Da die Zentrallinie der Finsternis nur rund dreieinhalb Kilometer westlich des Hotels verlief, konnte ich mir getrost einen Beobachtungsplatz in dessen Nähe suchen. Eine Beobachtung am offiziellen Festplatz in Side am Apollo-Tempel kam für mich nicht in Frage, da dort mit einem Ansturm tausender Menschen zu rechnen war, was eine ruhige und sichere Beobachtung unmöglich gemacht hätte. Fernsehberichte am Abend des 29. März bestätigten diese Vermutung. Auch das nahe gelegene Amphitheater, aus dem eine von der NASA gesponsorte Expedition eine Live-Übertragung sendete, war ungeeignet, da es keine freie Sicht nach Südwesten bot, die Richtung aus der der Mondschatten kommen würde. Nahezu ideal geeignet war statt dessen ein ca. 30 Meter hoher Hügel im Hotelgelände, von dem aus man einen hervorragenden Blick auf die gesamte Bucht westlich von Side hat (Bild oben rechts). Besonders eindrucksvoll ist auch der Blick auf die über 100 km entfernten schneebedeckten Berge in südwestlicher Richtung, welche sich auch in der Totalitätszone befanden.

Etwas getrübt wurde die Vorfreude von der Ankündigung einer Grillparty auf dem Hügel. Sollte ich also doch lieber auf den Strand ausweichen? Wie sich jedoch später zeigte, waren meine Bedenken unbegründet. Der Grill und das Salatbüfett sowie ein paar Stehtische wurden am Rand des Hügels aufgebaut, so dass noch genug Platz übrig blieb. Man versicherte mir auch, keine Beleuchtung zu verwenden, so dass einem ungestörten Erlebnis nichts mehr im Wege stand. Bis zur Finsternis blieben somit noch ein paar ruhige Tage, die ich damit verbrachte, das eine oder andere Souvenir zu beschaffen. Ich beschränkte mich dabei auf die offizielle Ausstattung des türkischen Tourismusministeriums, die aus einer Finsternisbrille, einem T-Shirt und einer Urkunde bestand. All dies gab es kostenlos. Für gerade mal einen Euro bekam ich dann noch den Ersttagsbrief der türkischen Post mit dem Tagesstempel vom 29. 3. 2006. Am Vorabend der Sonnenfinsternis wurden dann auch noch im Hotel Brillen ausgeteilt, so dass ich inklusive der von zu Hause mitgebrachten davon also genug hatte.

Teleskope neben badenden Urlaubern Beim Aufbau Dann war endlich der große Tag gekommen. Das Wetter war immer noch hervorragend. Nur ein paar kleine Schleierwolken befanden sich am nördlichen Himmel, wo sie auch für den Rest des Tages blieben. Vor dem Aufbau meiner Geräte hatte ich noch Zeit für eine kleine Strandwanderung, bei der ich schon zahlreiche andere Hobbyastronomen beim Aufbau ihrer Ausrüstung beobachten konnte. Einige waren mit Wohnmobilen oder Bussen angereist, um ihre teilweise sehr großen Teleskope und Computer sowie die notwendigen Batterien zu transportieren. Gegen 10.30 Uhr osteuropäischer Sommerzeit (OESZ = UTC + 3 Stunden) begann auch ich an meinem Wunschplatz (36° 47' 08" N, 31° 23' 00" O) mit dem Aufbau meines ETX-90, der Videokamera (beide auf Fotostativen) und der weiteren Hilfsmittel. Sämtliche optischen Geräte (außer den Fotoapparaten, die nicht für die direkte Sonnenfotografie vorgesehen waren) wurden mit Glas- oder Foliensonnenfiltern geschützt. Neben mir bauten gerade einmal noch zwei weitere Beobachter ihre Ausrüstung auf, etwas entfernt noch einmal zwei kleinere Gruppen. Das Interesse im Hotel hielt sich also in Grenzen, während im Nachbarhotel plötzlich eine Gruppe von rund hundert Beobachtern auf die oberen Terrassen stürmte.

GrillpartyBeobachter auf dem Hügel Auch die Grillparty begann so langsam, was den Vorteil hatte, dass man sich vor dem Beginn der Sonnenfinsternis mit ausreichend Speisen und Getränken versorgen konnte. Die Musik in geringer Lautstärke sorgte sogar für eine angenehme Atmosphäre. Inzwischen kamen immer mehr Hotelgäste auf den Hügel, die sich aber zumeist in der Nähe der Verpflegung aufhielten. Die älteren Gäste konnten sogar einen Bus nutzen, um den Höhenunterschied zu überwinden. Ein erster Blick durch das Teleskop zeigte einige wenige, dafür aber relativ große Sonnenflecken.


Sonnensicheln Blick nach Südosten Um 12.38 Uhr OESZ war es dann soweit: die partielle Finsternis begann. Zum Essen blieb jetzt natürlich nicht mehr viel Zeit, was etwas bedauerlich war, da es jede Menge leckere Sachen gab. Während ich mit dem Fotoapparat am Teleskop und der Videokamera den Verlauf der Finsternis dokumentierte, verirrten sich ab und zu auch ein paar Gäste in meine Richtung. Manche wollten sogar einmal durch das Teleskop sehen, was ich ihnen zu diesem Zeitpunkt natürlich auch gerne ermöglichte. Eine knappe halbe Stunde vor der totalen Verfinsterung zeigten sich auf hellen Flächen im Schatten von Bäumen lauter kleine sichelförmige Sonnenbilder. Keine zehn Minuten später wurde auch das Tageslicht langsam schwächer. Die Landschaft wurde in ein fahles gelbliches Licht gehüllt. In Verbindung mit den ungewöhnlich scharfen Schatten sahen Personen mitunter etwas gespenstig aus.



12.42 Uhr
12.42 Uhr

12.51 Uhr
12.51 Uhr

13.05 Uhr
13.05 Uhr

13.12 Uhr
13.12 Uhr

13.21 Uhr
13.21 Uhr
13.35 Uhr
13.35 Uhr
13.42 Uhr
13.42 Uhr
13.50 Uhr
13.50 Uhr


In gespannter Erwartung Kurz vor der Totalität Eine Sonnenbrille war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr nötig, während zur Sonnenbeobachtung die Sonnenfilter und Finsternisbrillen noch bis zur Totalität unverzichtbar waren. Es wurde auch merklich kühler, so dass man, wenn man nicht wie ich ständig in Bewegung war, durchaus eine wärmende Decke gebrauchen konnte. Von anfangs 19 °C sank die Temperatur bis auf 15 °C am Ende der totalen Phase ab. Ein anderes Phänomen, was in den Minuten vor und nach der totalen Phase zu erwarten gewesen wäre, die fliegenden Schatten, die auf hellen Flächen erscheinen, war nicht zu beobachten - wahrscheinlich auch deswegen, weil kaum jemand genau darauf achtete. Ob der kleine Windstoß 20 Sekunden vor der Totalität der sogenannte Finsterniswind oder nur ein Zufall war, ließ sich auch schwer sagen.


Perlschnureffekt Die totale Finsternis begann genau um 13.55:01 Uhr. Schon rund 30 Sekunden vorher wurde der Himmel langsam dunkler, so dass man die Venus erkennen konnte. Die Spannung erreichte jetzt ihren Höhepunkt. Die Berge am Horizont waren inzwischen auch verschwunden, was auf den sich nähernden Mondschatten hindeutete. Innerhalb der letzten 15 Sekunden wurde es dann schlagartig dunkel. Trotzdem waren noch für einige Sekunden die letzten Sonnenstrahlen durch die Täler am Rand des Mondes zu sehen - der Perlschnureffekt (Bild links: 13.54:59 Uhr). Doch dann waren auch diese verschwunden, und die totale Sonnenfinsternis hatte begonnen. Kurzzeitig war ein verhaltener Jubel zu vernehmen. Dafür blieb mir natürlich keine Zeit, denn als erstes mussten die Sonnenfilter von Videokamera und Teleskop entfernt werden.

Kaum dass es finster geworden war, erschien die Korona in ihrer vollen Pracht. Weit ausgedehnt und wild zerzaust präsentierte sie sich - in ihrer unregelmäßigen Form ähnelte sie einem Schmetterling. Im Teleskop waren in der strahlend weißen Korona die Feldlinien des Sonnenmagnetfeldes zu erkennen, die wie feinste Federn wirkten. Es war ein phantastischer, nahezu unbeschreiblicher Anblick. In Side blitzten einige Fotoapparate auf. Doch die Zeit verging wie im Fluge. Nur in den ersten Sekunden nach Beginn der Totalität war die schmale rosafarbene Chromosphäre zu erkennen. Ein paar Sekunden länger und dann noch einmal kurz vorm Ende konnte man Protuberanzen am Sonnenrand beobachten. Auch diese leuchteten rosa.



Korona zu Beginn der totalen Phase

Korona zu Beginn der totalen Phase, 13.55 Uhr

Korona zur Mitte der totalen Phase

Korona zur Mitte der totalen Phase, 13.57 Uhr


Blick nach Südwesten Der Himmel war in der Nähe der Sonne, die jetzt in einer Höhe von 54° stand, dunkelblau, fast schwarz. Weiter entfernt wurde er etwas heller. Wenn auch die Himmelshelligkeit und seine Farben wie in der Dämmerung wirkten, war der Anblick des Horizonts etwas ungewöhnlich. Er erschien in allen Richtungen in einem leuchtenden Orange. Die Berge in südwestlicher Richtung waren immer noch dunkel. Einige Schleierwolken leuchteten rot, andere weiß. Bis auf die Venus waren keine anderen Planeten oder Sterne zu erkennen, da der Himmel insgesamt doch relativ hell war, aber auch die Zeit zum genaueren Suchen fehlte (Bild links).

Blick nach Südwesten Nach ungefähr dreieinhalb Minuten wurde der Südwesthorizont langsam wieder hell (Bild rechts). Bevor der Sonnenfilter wieder auf das Teleskop musste, konnte ich noch einen letzten Blick auf die bereits beschriebenen Erscheinungen am Sonnenrand werfen. Um 13.58:46 Uhr war die totale Sonnenfinsternis nach 3:45 Minuten beendet. Da die Videokamera noch nicht wieder mit einem Sonnenfilter versehen war, gelang mir mit dieser eine eindrucksvolle Aufnahme des Diamantringes in dem Moment, als der erste Sonnenstrahl durch ein Mondtal hervortrat. Noch ein paar Sekunden lang waren schwach die Korona und eine einzelne Protuberanz zu erkennen (Bild unten: 13.59:00 Uhr). Im Hintergrund waren jetzt vereinzelte erstaunte Ausrufe zu hören, es überwog aber immer noch das Schweigen. Erst nach einer halben Minute applaudierten ein paar Leute. Für die meisten war das offenbar das Signal zum Aufbruch, denn schon wenige Minuten nach dem Ende der Totalität waren die meisten Gäste verschwunden. Auch die Bauarbeiter auf einem anderen Nachbarhotel, die seit rund einer halben Stunde ihre Arbeit unterbrochen und das Ereignis durch eine Schweißerbrille beobachtet hatten, gingen wieder an die Arbeit.

Diamantringeffekt Die Finsternis dauerte allerdings noch bis 15.13 Uhr. Bis dahin war der ganze bereits beschriebene Ablauf noch einmal in umgekehrter Reihenfolge zu erleben: das fahle Licht, die Sicheln unter den Bäumen oder die langsam wiederkehrende Wärme. Natürlich befand sich auch bis zum Schluss immer noch ein Teil des Mondes vor der Sonne. Allerdings war nichts mehr so eindrucksvoll wie die totale Phase. Vom Nachbarhotel brandete noch einmal Beifall auf, als mit dem vierten Kontakt die Finsternis endete. Jetzt, als ich wieder Zeit zum Essen hatte und auch noch einmal Appetit verspürte, war von der Grillparty leider nichts mehr übrig, aber bis zum Abendessen dauerte es ja nicht mehr lange.

14.05 Uhr Es dauerte noch eine Weile, bis alle Eindrücke verarbeitet waren. Denn viel besser hätte es wirklich nicht laufen können: perfektes Wetter, hervorragender Beobachtungsplatz und auch eine tolle Organisation des Drumherums durch das Hotel Defne Star. Doch ich war nicht der einzige im Hotel, der schon am Abend Pläne für die nächste Sonnenfinsternis schmiedete. 2008 in Sibirien werde ich wohl nicht dabei sein, aber vielleicht 2009 in Shanghai, wo man wieder einen interessanten Urlaub verbringen und dabei mit über sechs Minuten Totalität die längste totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts erleben kann - wenn das Wetter mitspielt. Denn dass auch in der Türkei ein bisschen Glück dabei war, zeigte sich an den beiden folgenden Tagen, die beide trüb und mit Regen begannen. Um die Mittagszeit klarte es zwar wieder etwas auf, und eine Beobachtung wäre auch möglich gewesen, aber ob dann nicht gerade im entscheidenden Moment eine Wolke vor die Sonne gezogen wäre, konnte man nicht sagen. Allerdings war das Wetter an den nächsten beiden Urlaubstagen schon wieder schön.


14.12 Uhr
14.12 Uhr

14.22 Uhr
14.22 Uhr

14.41 Uhr
14.41 Uhr

14.50 Uhr
14.50 Uhr


14.56 Uhr
14.56 Uhr


?subject=Sonnenfinsternis 2006">Feedback, Home, zurück

15.06 Uhr
15.06 Uhr
15.11 Uhr
15.11 Uhr, die Sonnenflecken oben links sind wieder da